Ein neues Nest

Es begann im Frühling 2011. An meinem Geburtstag, im Juni, änderte sich mein Leben. Nicht, dass ich es geplant hätte und es plumpste auch keine Überraschung in mein Leben. Es begann ganz still und leise, aber ich spürte schnell, dass da etwas im Gange war. Mein Verstand konnte es später sogar festmachen, denn mit meinem Geburtstag 2011 wechselte ich nach einer 9-jährigen astrologischen Phase der festen Solarziele in die Phase der beweglichen. Und das ist in der Tat ein gewaltiger Unterschied. Ich war nicht vorbereitet, hatte keinen Plan und doch fühlte ich mich ‚gezwungen‘ den neuen Regeln zu folgen. Mir fiel nichts Besseres ein, als ziemlich überstürzt meine Wohnung zu kündigen und in eine andere umzuziehen. Beweglichkeit war gefragt, warum also nicht gleich den ganzen Haushalt einpacken und woanders wieder ausladen. Thematisch lag ich richtig, praktisch war die Aktion ein wenig übereifrig. Natürlich hatte mein Verstand dabei wenig zu sagen, alles geschah aus dem Bauch heraus. Wenn es sich richtig anfühlt, dann wird es auch für mich das Richtige sein. Leider ist das Bauchgefühl in gewisser Hinsicht blind, vielleicht wollte ich es auch gar nicht sehen, aber die neue Wohnung ging gar nicht. Sie war zu klein, zu laut, zu dunkel und zu kalt. Der Möbeltransporter war noch nicht weggefahren, da liefen bei mir schon die Tränen. Zusammen mit meinem Kater saß ich auf den Kartons und wusste nur eins, hier werde ich nicht bleiben. In den folgenden Tagen war ich so verzweifelt, -und dem Kater ging es wohl nicht anders, auch er hasste die neue Umgebung-, dass ich mich entschloss alles rückgängig zu machen. Würde es nicht gelingen, dann würde ich unweigerlich sterben. Davon war ich überzeugt, sei es passiv, sei es aktiv. Ich rief den alten Vermieter an und bat um Hilfe. Er hatte tatsächlich eine freie Wohnung, in derselben Anlage, die ich gerade verlassen hatte. Die neue war sogar noch um ein Zimmer größer, dafür aber mit Balkon, statt Garten. Mir war alles recht, solange ich zurückkonnte, dorthin wo ich mich seit über zehn Jahren wohlgefühlt hatte.

Es dauerte dann noch drei Monate, bis ich am 1. Oktober einziehen konnte. Das gescheiterte Experiment kostete mich eine Stange Geld und viel Kraft, schließlich war ich bereits mitten in meinem fünften Lebensjahrzehnt angekommen. Und doch war ich glücklich, denn hier in der mir vertrauten Umgebung konnte ich Wurzeln schlagen. Der Kater war ebenfalls froh und akzeptierte leichten Herzens, dass er jetzt nicht mehr von allein durch die Klappe in der Tür herein- oder herausgehen konnte.

Inzwischen sind elf Jahre vergangen, die Corona Pandemie tobt sich gerade zum zweiten Mal aus, und draußen fallen jetzt mit aller Macht die Blätter von den Bäumen. Es wird kälter, die Zeitumstellung auf Wintermodus haben wir gerade erlebt. Die vergangene Dekade hat mir gutgetan. Auch wenn der Beginn der Phase der ‚beweglichen‘ Zeit ein gigantischer Fehlstart war, habe ich mich der Chance etwas Neues auszuprobieren, nicht verweigert. Im Rückblick ziehe ich eine überaus positive Bilanz. Die letzten Jahre waren die glücklichsten meines Lebens. Ich habe endlich gewagt mich auf Reisen zu begeben und das war ein voller Erfolg. Ich hatte mir London ausgesucht und fühlte mich dort sofort heimisch. Das war vor drei Jahren und inzwischen bin ich über ein dutzend Mal in dieser emotional so heilenden Stadt gewesen. Sie macht mich gesund, weil die Menschen so freundlich sind. Sie strahlen Lebensfreude und Energie aus. Das tut ungemein gut und dringt mühelos in die verschlossene Seele des Autisten ein.

Ein gemütliches Zuhause strahlt Wärme aus. Man muß Lust haben dort etwas zu machen. Sich hinzusetzen, die Beine hochlegen, ein Buch lesen …

Jetzt aber, etwa seit Anfang des Jahres 2020, hat sich mein Leben erneut geändert. Die alten Probleme kriechen hervor und die wundervolle Leichtigkeit entflieht mir. Ich kann diesen so ersehnten Zustand einfach nicht festhalten. Erneut stellt sich immer öfter ein latentes Angstgefühl ein. Es scheint auf alles Mögliche zu reagieren, bisher erkenne ich kein Muster. Aber vor allem ist die Angst in meiner Wohnung anwesend und das ist gar nicht gut. Ich habe sie nicht eingeladen und kann die Ursache nicht festmachen, egal, wie kritisch ich mir Raum für Raum ansehe. Ich bin sehr ordentlich, ohne ungemütlich zu werden, lege Wert auf Reinlichkeit und habe ein Händchen für liebevolle Dekorationen. Was also läuft so aus dem Ruder, dass es mich daran hindert einfach froh zu sein? Ein Blick in den astrologischen Kalender bestätigt meine Vermutung, es steht ein erneuter Wechsel bevor. Mein letztes ‚bewegliches‘ Jahr hat begonnen und wird mich in die Phase der kardinalen Ziele führen. Das ist nicht mein Ding, das werde ich als Herausforderung erleben. Meine Sonne stand bei meiner Geburt in einem beweglichen Zeichen, das ist mir also in die Wiege gelegt worden, da muss ich mich nicht anpassen. Aber die kardinalen Aufgaben sind nicht einfach und fallen mir gewiss nicht in den Schoß.

Das ganze letzte halbe Jahr war ich auf der Suche nach der Ursache meiner Unzufriedenheit. Es boten sich viele Gründe an, vorweg natürlich die Bedrohung durch das Coronavirus. Aber ehrlich gesagt, ist die soziale Distanzierung für mich keine unüberwindliche Hürde, denn ich bin Autistin und kann das deshalb besser bewältigen als die meisten anderen. Dann zog ich alle möglichen Ursachen heran. Das Älterwerden, die verpassten Lebenschancen, die Unfähigkeit einen Partner zu finden, die Zwangspause im Reisen und damit der Verlust meiner Freunde in London und schließlich musste das Wetter herhalten, wie man es dann so macht. Alles war richtig, nichts davon traf ins Ziel. Irgendwann kreisten meine Gedanken um die Begriffe ‚Heimat‘ und ‚Zuhause‘. Sie sind nicht deckungsgleich und etliche kluge Leute haben schon darüber nachgedacht. Für mich ist die Heimat ohne Frage Deutschland, die Stadt, in der ich lebe und geboren wurde und irgendwie mein Name, meine Persönlichkeit, meine Überzeugungen etc. Unter ‚Zuhause‘ verstehe ich weniger den Ort, wo ich lebe, als vielmehr das Gefühl, dass sich dort einstellen sollte. Deshalb ist mein Zuhause seit Jahren London. Es ist der einzige Ort, den ich kenne, wo ich mich geborgen und sicher fühle. Was ziemlich irre ist, denn dort laufe ich spätabends durch unbekannte dunkle Gassen, was ich in meiner Heimatstadt niemals machen würde. Ich könnte endlos darüber schreiben, was ich empfinde, sobald ich die Ankunftshalle im Airport Heathrow durchquere. Ein nie gekanntes Glücksgefühl macht sich dann in mir breit, strömt aus einer Quelle, die das Herz oder die Seele sein wird. Aber ich lasse es bei diesen vagen Beschreibungen, denn wer es je gespürt hat, oder gar wie ich lebenslang vermisste, der weiß, wovon ich spreche.

 

 

Nach Wochen oder sogar Monaten hatte ich meine Ängste etwas besser eingekreist. Es hatte ganz offensichtlich mit meiner Wohnung zu tun, dort fühlte ich mich nicht mehr wohl. Ja schlimmer noch, ich war eigentlich nie dort emotional angekommen. Ich weiß, dass sich schon beim Einzug ein leichter Schleier von Wehmut über meinem Gemüt ausgebreitet hatte, den ich aber auf keinen Fall dulden wollte. Schließlich war ich gerade meiner persönlichen Hölle entkommen, indem ich die völlig verunglückte Wohnungswahl rückgängig gemacht hatte. Ich war beim Einzug etwas enttäuscht, weil ich gehofft hatte endlich einmal eine perfekt saubere Wohnung zu bekommen. Immer habe ich das Pech, dass ich selbst wie blöde vor dem Auszug schrubbe, mein Vormieter aber keine Hemmungen hat, mir seinen Dreck zu hinterlassen. Diesmal wusste ich, dass die Wohnung vor weniger als drei Jahren eine Totalrenovierung erlebt hatte und deshalb freute ich mich auf den guten Zustand. Tatsächlich war der übliche Parkettboden, der aus etwas altmodischen Stäbchenparkett bestand, gegen einen modernen Holzfußboden ausgetauscht worden. Kein Laminat, nein richtiges schönes Holz. Der Maler hatte kurz vor Einzug noch schnell alle Wände, Decken und Heizkörper gestrichen. Der Fensterputzer hatte die Scheiben gereinigt, alles war gut vorbereitet. Und doch war es nicht so makellos, wie ich es mir erhofft hatte. Alles sah sauber aus, aber nur auf den ersten Blick. Sobald ich meine Sachen einräumen wollte, merkte ich, dass etwa die Küchenschränke nie ausgeseift wurden, der Glanz im Badezimmer eine Kalkschicht trübte und die Türen fettige Flecken hatten. Ich machte, was ich in solchen Fällen tue, ich krempelte die Ärmel auf und ging dem Schmutz systematisch auf den Grund. Körperlich war das eine anstrengende Zeit und weil ich mich nicht ruinieren wollte, musste ich einteilen. So blieben also einige Dinge liegen, die ich später erledigen wollte. Das waren etwa die Rückseiten der Zimmertüren, die man nicht sofort sah, wenn man in den Raum hineinging. Das war der eine oder andere Schrank, der auch noch etwas warten konnte. Und ein Stück Fliesenschild in der Gästetoilette ließ ich auch erst einmal beiseite. Und den Herd mit Backofen ließ ich gleich ganz gegen einen neuen austauschen. Und dann passierte natürlich das, was passieren muss, ich verschob die noch nicht erledigten Arbeiten von Woche zu Woche und irgendwann hatte ich mich an den Anblick gewöhnt beziehungsweise gelernt gekonnt an den Stellen vorbeizusehen. Die Verdrängung hatte längst ihren Lauf genommen und funktionierte prima.

Und nun hat mich die Wahrheit eingeholt. Meine Angstprobleme, meine Unzufriedenheit wurde immer größer, schienen mir irgendwo vage verankert zu sein und ich fühlte mich hilflos. In solchen Situationen braucht man Freunde, die ich leider nicht habe, aber es scheint Schutzengel zu geben, die mich dann leiten. Ich höre dann plötzlich einen klugen Satz im Radio oder finde ein Buch, dass sich mit dem Thema des ‚Zuhause Wohlfühlen‘ beschäftigt. Und wenn das Buch dann mit dem Satz: „Nirgends ist der Frühling schöner als in London.“ beginnt, dann weiß ich, dass ich Hilfe gefunden habe. Innerhalb weniger Tage lichtete sich mein konfuses Gefühl der Unzufriedenheit und vor allem hatte ich jetzt wieder die Hoffnung, aktiv über einen wirklich brauchbaren Plan zu verfügen. Mir war klar geworden, warum ich mich in London immer so geborgen fühle. Es ist nicht allein die Freundlichkeit der Menschen, die man überall verbal erfährt, sondern es sind auch die positiven Kleinigkeiten, auf die der Engländer Acht gibt. Er gibt sich große Mühe, jeden Ort so zu gestalten, dass man sich dort automatisch wohlfühlt. Es macht nichts, wenn die Räumlichkeit alt ist, es darf auch alles gebraucht aussehen, aber immer sind kleine Licht-Oasen dazwischen eingewebt. Es mag sein, dass der englische Freund nur eine Tasse Tee anbieten kann, weil er nicht viel Geld verdient. Aber er wird das Getränk in einer wunderschönen Tasse servieren und ganz sicher einen kleinen Keks daneben legen. Anders geht es nicht, denn er möchte auf diese Weise seinen Gast höflich umarmen und ihm sagen: „You’re welcome!“

Ab sofort will ich auf diese kleinen, aber so wichtigen Details, achten. Ich fühle mich glücklich, voller Freude, meinen Plan umzusetzen. Ich werde jeden Tag ein wenig daran arbeiten und ich werde es dokumentieren. Ich habe keine Ahnung, ob das sinnvoll ist, habe aber Lust dazu. Mal sehen, wo es mich hinführt. Mein Ziel ist es in wenigen Wochen, also wenn die Vorweihnachtszeit beginnt, sagen zu können: „Hier bin ich Zuhause und hier fühle ich mich wohl. Alles ist so wie es mir gefällt und alles spricht mich an. Diese Wohnung ist gemütlich, aber auch inspirierend. Sie lässt mich kreativ werden und bietet mir nachts die Geborgenheit für einen guten Schlaf. Jeden Morgen, nach dem Erwachen, bin ich gespannt, was mir der neue Tag schenken wird.“ Klingt wie ein Versprechen und genau das ist es auch. Ich werde den Erfolg meiner Bemühungen daran messen. Und jetzt bin ich voller Energie und möchte anfangen. Los geht’s, mal sehen, wie es läuft.

 

Tagebuch