2. Tag

Weil es gestern so gut mit dem Groß-Reinemachen geklappt hat, wird es heute fortgesetzt. Allerdings nicht in der Wohnung, sondern im Freien. Schon die alten Römer wußten: „Mens sana in corpore sano“ und da ist vielleicht heute noch ein gutes Stück Wahrheit im Spiel. Also nutze ich das sonnige Herbstwetter mit einem ausgedehnten Spaziergang am frühen Morgen und werde belohnt. Ich komme mit schönen Fotos zurück und habe den Kopf gut durchgelüftet. Allerdings will ich mein Ziel nicht aus den Augen verlieren, es geht ums Wohlfühlen. Ich bin auf der Suche nach meinem Zuhause. Darauf will ich mich konzentrieren. 

 

 

Gestern Abend kamen mir Zweifel. Ist es angemessen mein Vorhaben im Internet zu veröffentlichen? Warum so eine große Bühne? Geht’s nicht auch ’ne Nummer kleiner? Heute Morgen hatte ich die Antwort druckfrisch im Hirn: Wenn es um das Lebensglück geht, ist jeder Aufwand erlaubt! Ich glaube mir hilft dieses öffentliche Tagebuch, denn irgendwie fühle ich mich beobachtet, und in diesem Fall tut das gut. Es hilft mir bei der Stange zu bleiben.

Wieder gehe ich durch die Wohnung, versuche abwechselnd objektiv zu betrachten und subjektiv zu beurteilen. Was stört? Welche Ecken blende ich aus? Wo fühle ich Unbehagen? Nun, das kann ich schnell beantworten, denn ich habe ein ziemlich disharmonisches Verhältnis zu allen sanitären Objekten. Ich habe keine Ahnung, welche frühen Erlebnisse oder Märchenbücher (?) mir noch heute einflüstern, dass in allen dunklen Rohren unheimliche Wesen leben. Widerliche schleimige Monster und aalglatte Nattern, die blitzschnell hervorschießen und sich die Beute holen. Mir ist schon klar, dass das nicht der Wahrheit entspricht, aber irgendwo schwingt es immer mit, sobald ich einen gekachelten Raum betrete. Seit ich die Örtlichkeiten der Londoner Pubs kenne, und damit meine ich die ’normale‘ Kneipe in einem der weniger prominenten Stadtteile-, weiß ich, dass meine Abneigung nichts mit Ekelgefühlen zu tun hat. Dort steht man schon mal knöcheltief im Urin oder anderen Körperflüssigkeiten. Die Abneigung gegen solche Orte kann ich überwinden, das ist alleine eine Frage des Drucks. Es muss also etwas anderes sein, dass mich innerlich sowohl frösteln lässt als auch ängstliche Überaufmerksamkeit hervorruft. Wahrscheinlich mal wieder etwas höchst komplexes, irgendein Knoten in der Psyche. Auf jeden Fall kam es mir gerade recht, als gestern ein Paket geliefert wurde, indem ein buntes Sortiment von Perlatoren verpackt war. Ich nahm die ‚Einladung‘ an und begann sofort mit der Arbeit. Die Wasserhähne waren schnell versorgt, aber da war noch ein hässlicher Auswuchs am Wannenablauf und Ähnliches hatte sich auch am Hahn gebildet. Täglich wurde die dunkle Träne länger und doch schaffte ich es nicht, die Sache zu beheben. Meine Verdrängung war so gut, dass ich tagsüber wochenlang die Reinigung konsequent ‚vergaß‘. Nun war die Stunde der Wahrheit gekommen und siehe da, es war viel einfacher als gedacht. Meine Angst ist ein Lügner, denn sie hatte mir Schreckliches eingeflüstert und auf diese fiese Weise meine ganze Aufmerksamkeit für sich beansprucht. Unfair und egoistisch. Ich werde die Stimme künftig ignorieren, oder besser noch, einfach auslachen. Bürste und Scheuermilch reichten, um alles zu beseitigen. Danach fühlte ich mich heldenhaft gestärkt. „Well done“, würden meine englischen Freunde sagen.

 

 

Und die Moral?

Was für eine Energieverschwendung! Es ist mental bestimmt viel anstrengender irgendetwas zu unterdrücken, als einfach die Sache zu beseitigen. Und zwar sofort. Fakten schaffen, dann müssen sich Seele und Geist gar nicht erst damit beschäftigen. Und das ist viel bessern, denn dann haben sie Zeit sich etwas Nettes auszudenken.